Reden wir über Nachhaltigkeit

Reden wir über Nachhaltigkeit.

Nehmt euch einen Moment Zeit, rückt das Kissen im Rücken zurecht und legt vielleicht für ein paar Minuten die Nadeln aus der Hand. Heute möchte ich mit euch über etwas sprechen, das tief in unseren Herzen – und in unseren Strickkörben – verwurzelt ist. Es geht um den Wert dessen, was wir tun, und darum, wie wir mit jedem rechten und linken Maschenstich ein kleines Statement gegen eine Welt setzen, die oft viel zu schnelllebig geworden ist. Wir reden heute über Nachhaltigkeit und das Phänomen Fast Fashion.

Aber keine Sorge, das wird kein trockener Vortrag. Vielmehr ist es eine Liebeserklärung an unser Hobby und an die Lebenseinstellung, die wir „Wolloholiker“ ohnehin schon längst verinnerlicht haben.

Die Welt im Kleiderschrank: Was ist eigentlich Fast Fashion?

Bestimmt habt ihr den Begriff schon oft gehört. Fast Fashion beschreibt die Art und Weise, wie die Modeindustrie heute funktioniert: Trends werden in Rekordzeit kopiert, billig produziert und in Massen auf den Markt geworfen. Zwölf, manchmal sogar vierundzwanzig Kollektionen pro Jahr sind keine Seltenheit mehr.

Das Problem dabei? Diese Kleidung ist nicht dafür gemacht, alt zu werden. Sie ist wie ein Fast-Food-Burger: kurzfristig befriedigend, aber nahrhaft für die Seele ist sie nicht. Oft halten diese Teile kaum drei Wäschen aus, bevor die Nähte schief ziehen oder die Oberfläche pillt.

Wenn ich durch die Stadt gehe und diese riesigen Berge an Kleidung sehe, die für Preise verkauft werden, für die ich bei meinem Lieblings-Wollhändler nicht mal einen halben Strang Merino bekomme, macht mich das nachdenklich. Wie kann ein fertiger Pullover weniger kosten als das Rohmaterial? Die Antwort kennen wir leider alle: Es geht zu Lasten der Umwelt und der Menschen, die diese Kleidung produzieren.

Warum wir Strickerinnen die wahren Pioniere in Sachen Nachhaltigkeit sind

Und genau hier kommen wir ins Spiel. Habt ihr euch schon mal überlegt, dass wir Stricker und Strickerinnen eigentlich die Vorreiter einer modernen Revolution sind? Man nennt es heute oft „Slow Fashion“, aber für uns ist es einfach das, was wir schon immer tun.

Wenn wir ein neues Projekt planen, fängt die Nachhaltigkeit schon bei der Auswahl an. Wir streicheln die Wolle, wir lesen die Banderole, wir informieren uns über die Herkunft der Fasern. Ist es mulesing-freie Wolle? Wurde sie mit Pflanzenfarben gefärbt? Kommt das Garn vielleicht sogar aus der Region?

Wir investieren Zeit. Und Zeit ist in unserer heutigen Gesellschaft das kostbarste Gut. Ein handgestrickter Pullover entsteht nicht in einer Kaffeepause. Er braucht Stunden, Tage, manchmal Wochen voller Hingabe.

Das Geheimnis der Langlebigkeit

Ein großer Aspekt der Nachhaltigkeit ist die Haltbarkeit. Ein Teil aus dem Fast-Fashion-Laden landet oft nach einer Saison im Müll. Aber ein handgestrickter Cardigan? Der begleitet uns oft Jahrzehnte.

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Wir pflegen unsere Strickstücke anders und wissen, wie man Wolle richtig lüftet, wie man sie vorsichtig von Hand wäscht und wie man ein kleines Loch so stopft, dass es fast wie eine Verzierung aussieht. Wir schätzen den Wert der Arbeit, weil wir jede einzelne Masche selbst durch die Finger haben gleiten lassen. Das ist die reinste Form von Wertschätzung.

Individualität statt Einheitsbrei

Ein weiterer Punkt, der mich immer wieder begeistert: Wenn wir stricken, erschaffen wir Unikate. In einer Welt, in der Millionen Menschen die gleichen fünf T-Shirts von der Stange tragen, sind wir die Individualisten.

Wir passen die Ärmellänge an unsere Arme an, wir wählen genau den Blauton, der unsere Augen zum Strahlen bringt, und wir entscheiden uns für Muster, die unsere Persönlichkeit widerspiegeln. Ein handgestricktes Teil passt nicht nur dem Körper – es passt zur Seele.

Diese Individualität führt dazu, dass wir unsere Kleidung viel seltener aussortieren. Wir werfen unseren „Pfefferminzprinzen“ oder das kuschelige Alpaka-Tuch nicht weg, nur weil eine Modezeitschrift sagt, dass jetzt plötzlich Neongelb modern ist. Wir tragen unsere Werke mit Stolz, völlig unabhängig von kurzlebigen Trends.

Der therapeutische Aspekt: Nachhaltigkeit für den Geist

Nachhaltigkeit bedeutet für mich aber auch, nachhaltig mit der eigenen Energie umzugehen. Das Stricken ist unsere Insel der Ruhe. In einer Welt, die immer schneller, lauter und digitaler wird, erden uns die hölzernen oder metallenen Nadeln in unseren Händen.

Dieses rhythmische Klappern hat fast etwas Meditatives. Es baut Stress ab und hilft uns, den Fokus wiederzufinden. Wenn wir stricken, produzieren wir nicht nur Kleidung, wir produzieren Wohlbefinden. Und ein entspannter Mensch geht meistens auch viel achtsamer mit seiner Umwelt um. Es ist ein wunderschöner Kreislauf.

Mut zum „Slow Living“

Ich möchte euch heute ermutigen: Seid stolz auf eure langsamen Fortschritte. Manchmal sehe ich in den sozialen Medien, wie Leute wöchentlich drei fertige Pullover präsentieren. Da fragt man sich kurz: „Mache ich etwas falsch? Bin ich zu langsam?“

Nein, bist du nicht! Nachhaltigkeit bedeutet auch, sich vom Leistungsdruck zu befreien. Genieße das Garn, genieße die Haptik, genieße den Prozess. Es ist völlig egal, ob dein Projekt zu Weihnachten fertig wird oder erst im nächsten Frühjahr. Das Ziel ist nicht der volle Kleiderschrank, sondern der Weg dorthin.

Kleine Schritte für eine grünere Strickwelt

Wenn ihr Lust habt, eure Strick-Hobby noch ein Stückchen nachhaltiger zu gestalten, habe ich hier ein paar Tipps für euch gesammelt, die ich selbst versuche umzusetzen:

  •  Garn-Reste verwerten: Werft die kleinen Knäuel nicht weg! Decken, bunte Socken oder kleine Amigurumi freuen sich über jeden Rest.
  •  Qualität vor Quantität: Lieber ein Strang hochwertige, fair produzierte Wolle als eine ganze Tüte voll Billig-Acryl. Eure Haut und die Umwelt werden es euch danken.
  •  Tauschen statt Kaufen: Habt ihr Wolle im Stash, die ihr vermutlich nie verstricken werdet? Tauscht sie mit Freundinnen oder in Strickgruppen.
  •  Reparieren lernen: Ein kleiner Mottenfraß oder ein hängengebliebener Faden ist kein Grund zur Panik. „Visible Mending“ ist gerade absolut im Trend und macht aus einem Makel ein Designelement.

Mein Fazit für euch zum Thema Nachhaltigkeit:

Meine lieben Mit-Strickerinnen, wir machen bereits so viel richtig. Mit jedem Mal, wenn wir uns gegen den schnellen Konsum und für die Handarbeit entscheiden, leisten wir einen Beitrag zu einer besseren Welt. Wir zeigen, dass Qualität, Liebe zum Detail und Geduld Werte sind, die niemals aus der Mode kommen.

Ich bin so froh, Teil dieser wunderbaren Community zu sein, die versteht, dass ein Pullover mehr ist als nur ein Stück Stoff. Er ist eine Geschichte, er ist Wärme, und er ist ein Versprechen an die Zukunft.

Bleibt dran an euren Projekten, egal wie langsam sie wachsen. Jede Masche zählt!

Alles Liebe,
Eure Gabriele von Wolloholiker

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