Sechs Monate ohne eigene Handfärberei Wolloholiker

Sechs Monate ohne Wolloholiker

Warum das Ende von “wolloholiker” meine größte Freiheit ist

Ein halbes Jahr ist es nun schon her, seit sich die Türen meines Wollgeschäfts in der Hafenstraße in Bremerhaven für immer geschlossen haben. Sechs Monate, seit der Onlineshop offline ging und die Kochtöpfe meiner Handfärberei “wolloholiker” kalt blieben.

Wenn ein Herzensprojekt nach so langer Zeit endet, erwarten viele erst einmal einen Text voller Trauer. Doch wenn ich heute auf mein buntes Strickzeug blicke, fühle ich vor allem eines: eine unendliche, tief sitzende Freiheit.

Hier ist die ehrliche Geschichte darüber, warum das Schließen meines Ladens kein Scheitern war, sondern der Startschuss in ein neues, selbstbestimmtes Leben.

Der harte Blick auf die Realität: Krise im Handel

Die Entscheidung ist mir natürlich nicht über Nacht eingefallen. Am Ende war es eine nüchterne, mathematische Realität: Die Umsätze brachen ein – und zwar um mehr als die Hälfte, sowohl online als auch lokal vor Ort im Laden.

Die anhaltende Wirtschaftskrise und die spürbare Rezession in Deutschland haben das Kaufverhalten massiv verändert. Wenn das Geld an allen Ecken und Enden knapper wird, sparen die Menschen zuerst bei den schönen Dingen des Lebens – und dazu gehört leider auch die hochwertige, handgefärbte Wolle.

Mit diesem Schicksal stand ich keineswegs alleine da. Ein Blick auf die aktuellen Wirtschaftsdaten zeigt ein dramatisches Bild: Der deutsche Einzelhandel erlebt eine regelrechte Schließungswelle. Zehntausende Geschäfte mussten in den letzten Jahren bundesweit aufgeben. Die Kombination aus Kaufkraftverlust, explodierenden Energiekosten und hohen Mieten bricht selbst traditionsreichen Läden das Genick. Irgendwann kommt der Punkt, an dem man die Reißleine ziehen muss, bevor das geliebte Hobby zum finanziellen Albtraum wird.

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Mein Wolloholiker-Doppelleben: Vollzeit-Job trifft Selbstständigkeit

Was viele nicht wussten: “wolloholiker” war für mich nie ein reiner Fulltime-Job, sondern ein extrem forderndes Doppelleben. Ich habe fast die ganze Zeit über in Vollzeit in einem ganz normalen, sozialversicherungspflichtigen Beruf gearbeitet. Jede freie Minute nach Feierabend, jedes Wochenende und unzählige Nächte flossen in die Färberei, den Laden, die Buchhaltung und den Versand.

Mein Alltag bestand aus einem unerbittlichen Hamsterrad. Nicht selten stand ich bis weit nach Mitternacht am Färbetopf oder packte Pakete (ok, die Pakete hat Mr. Wolloholiker gepackt und um den Online-Shop hat er sich auch gekümmert), nur um wenige Stunden später wieder im Hauptberuf zu funktionieren. Der Schlafmangel war mein ständiger Begleiter – und mit ihm die permanente, lähmende Angst: “Wie bezahle ich im nächsten Monat die Ladenmiete, wenn die Kunden ausbleiben?” Der Fokus auf das Wesentliche: Endlich wieder Freiheit!

Und genau hier schließt sich der Kreis zu meinem heutigen Lebensgefühl. Das Ende des Geschäfts war das Tor zu einer Freiheit, die ich jahrelang schmerzlich vermisst habe.

Freiheit von der Existenzangst: Keine schlaflosen Nächte mehr, in denen sich die Gedanken nur um Fixkosten, Mieten und Umsatzkurven drehen.

Freiheit der Zeit: Ich darf abends einfach auf dem Sofa sitzen. Ich muss nicht kalkulieren, wie viele Stränge ich noch färben muss. Ich darf einfach den Fernseher anmachen, durchatmen und die Ruhe genießen.

Freiheit für mein Hobby: Ironischerweise hatte ich als Wollhändlerin kaum noch Zeit zum Stricken. Heute nehme ich die Nadeln in die Hand, weil ich es will, nicht weil ich Content oder Anschauungsmaterial für den Laden und meine Social Media Kanäle produzieren muss. Ich darf wieder die reine, unverplante Kreativität spüren.

Freiheit für meinen Körper: Endlich wieder ausschlafen. Genügend Schlaf zu bekommen, ist ein Luxus, den man erst wieder zu schätzen lernt, wenn man ihn jahrelang vermisst hat.

Ein buntes Fazit zu “wolloholiker”

“Wolloholiker” als Marke und Geschäft mag Geschichte sein, aber die Leidenschaft für die Wolle und die Community bleibt. Der einzige Unterschied ist: Ich bin nicht mehr die Getriebene meines eigenen Business, sondern wieder die entspannte Genießerin ihres Hobbys.

Manchmal bedeutet ein Schritt zurück im Leben zwei Schritte nach vorne in Richtung Lebensqualität. Ich habe mein buntes Imperium gegen meine persönliche Freiheit eingetauscht – und ich würde diese Entscheidung an jedem einzelnen Tag genau so wieder treffen.

Wie siehst du das? Musstest du auch schon mal ein geliebtes Projekt aufgeben, um deine eigene Freiheit zurückzugewinnen? Lass es mich gerne in den Kommentaren wissen!

Eure Gabriele von Wolloholiker

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