Hörst du das auch? Dieses gleichmäßige, fast schon meditative “Summ-Summ” und das leise Klackern des Tritts? Genau, es ist wieder diese ganz besondere Zeit im Jahr, in der sich die weltweite Handarbeits-Community in einen kollektiven Rausch aus Fasern, Farben und Spinnrädern stürzt. Es ist wieder Zeit für die “Tour de Fleece”!
Während die Radprofis bei der Tour de France schwitzend über die steilste n Alpenpässe strampeln, sitzen wir gemütlich auf unseren Balkonen, Terrassen oder im Wohnzimmer und treten unser Spinnrad (oder lassen die Handspindel sausen), was das Zeug hält. Heute möchte ich dich mitnehmen auf meine ganz persönliche Etappe, dir zeigen, welche Schätze ich schon vom Rad gewickelt habe, und dir verraten, wie meine Beine… äh, meine Hände den bisherigen Marathon überstanden haben. Schnapp dir ein Getränk und lass uns anschließend eine Runde fachsimpeln!
Für alle Neulinge: Was ist die Tour de Fleece überhaupt?
Falls du dich jetzt fragst: „Tour de… was? Gabriele, wovon redest du eigentlich?“ – keine Sorge, ich hole dich ab! Die Tour de Fleece ist das wohl größte und spaßigste Event der internationalen Spinnszene. Die Regeln sind denkbar einfach und herrlich verrückt: Wir spinnen an jedem Tag, an dem auch die Radprofis bei der Tour de France in die Pedale treten. Wenn die Radler einen Ruhetag einlegen, dürfen auch unsere Spinnräder verschnaufen. Und wenn es in die harten Bergetappen geht? Dann fordern wir uns selbst heraus und versuchen uns an besonders kniffligen Fasern oder neuen Techniken.
Es geht dabei nicht um einen harten Wettkampf, wer das meiste Garn produziert. Es geht um die Gemeinschaft, das Ausreizen der eigenen Fähigkeiten und – seien wir ehrlich – außerdem um die perfekte Ausrede, warum man den ganzen Tag Wolle durch die Finger gleiten lässt. Monogames Stricken? Das muss im Juli kurz Pause machen, denn jetzt regiert König Drall die Wolloholiker-Stube!
Mein persönlicher Zwischenstand: Ein Korb voller Glück
Halbzeit! Die ersten Etappen liegen folglich hinter mir, und mein Spinnrad hat ordentlich Kilometer… Verzeihung, Meter gemacht. Ich muss zugeben, die Herausforderung, jeden Tag dranzubleiben, hat es in sich. Genau wie beim Stricken juckt es mich natürlich darüber hinaus auch beim Spinnen ständig in den Fingern, drei Sachen gleichzeitig anzufangen. Aber ich halte tapfer durch!
Wenn du einen Blick auf das Foto oben wirfst, siehst du meine bisherige Ausbeute. Sind sie nicht ein Traum? Diese Farben! Jedes Mal, wenn ein Strang frisch gebadet auf der Wäscheleine hängt und sich die Fasern entspannen, geht mir das Herz auf. Vom rohen Faserband bis zum fertigen, glänzenden Garn – dieser Prozess fasziniert mich einfach immer wieder aufs Neue. Das ist echte Entschleunigung in einer viel zu schnellen Welt. Nachhaltiger und individueller geht es kaum: Ein Kleidungsstück zu tragen, dessen Garn man mit den eigenen Händen erschaffen hat, ist einfach das Größte.
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Was wird aus den Schätzen? Meine Pläne
Weil ein schönes Garn am Ende natürlich auch getragen werden will, habe ich mir zu jedem meiner frisch gesponnenen Schätze schon ein paar Gedanken gemacht. Wie du auf dem Foto sehen kannst, habe ich meine Pläne direkt handschriftlich für dich notiert. Aber lass uns noch ein bisschen ins Detail gehen:
- Der Farbrausch: Siehst du das Rörtchen mit den vielen, fröhlichen Nuancen? Blautöne und ein Hauch Flieder. Beim Spinnen sind die Farben regelrecht explodiert. Da das Garn durch den Farbverlauf schon ein absoluter Solokünstler ist, verlangt es nach einem schlichten, aber wirkungsvollen Projekt. Fraktal habe ich den Kammzug Caroline versponnen. Vielleicht verbrüdere ich den neuen Schatz mit dem dabeiliegenden türkisfarbenen Pailettengarn. In jedem Fall wird dieser Schatz aus Tussaseide und kuschliger Merino ein RVO werden – wer weiß.
- Das Lieblingsgarn in dezentem Grau: Du kennst mich ja – ich stricke unglaublich gerne Pink- und Rosatöne, doch diesmal komme ich farblich meinem Haupthaar näher.
Als diese Fasern (die Mischung heißt übrigens Kurt) auf mein Rad wanderten, wusste ich sofort: Das wird mein ganz persönliches Highlight dieser Tour. Es fühlt sich traumhaft weich an und schreit förmlich danach, zu etwas ganz Besonderem verarbeitet zu werden. Vielleicht eine edle Weste? In jedem Fall werde ich diesen Traum navajo verzwirnen und anschließend mit dem Pailettengarn zusammen verstricken.
Zum Schmunzeln: Die Tücken des Spinn-Marathons
Auch wenn das Spinnen unheimlich meditativ ist, bringt die Tour de Fleece so ihre ganz eigenen, lustigen Hürden mit sich. Hier sind meine Top 3 Erkenntnisse der letzten Tage:
- 1. Fussel-Alarm im Kaffee: Wer im Sommer bei offenem Fenster oder Ventilator spinnt, lernt schnell: Fluffige Faserteilchen sind extrem flugtauglich. Mein morgendlicher Kaffee hatte definitiv eine Extraportion “Woll-Fluff”. Ballaststoffe mal anders!
- 2. Das “Nur noch einen Meter”-Syndrom: Genau wie beim Stricken (“Nur noch eine Reihe!”), verliert man beim Spinnen komplett das Zeitgefühl. Man schaut auf die Uhr, es ist 20:00 Uhr. Man tritt ein bisschen weiter, schaut wieder hin: Ups, Viertel nach elf und das Faserband ist immer noch nicht leer.
- 3. Die Spinning-Waden: Wer braucht schon ein Fitnessstudio, wenn man ein zweifädiges Spinnrad mit Fußtritt bedient? Ich bin mir sicher, meine rechte Wade ist nach diesem Monat bereit für die echten Alpenpässe!
Die Tour ist noch nicht vorbei, und mein Faserberg flüstert mir schon wieder zu, dass das Spinnrad geölt werden möchte. Es liegen noch einige spannende Etappen vor uns, und ich freue mich auf jeden einzelnen Meter.
Jetzt interessierte mich aber brennend: Verfolgst du die Tour de Fleece auch? Sitzt du vielleicht selbst am Rad oder an der Spindel und strampelst fleißig mit? Oder schaust du dem bunten Treiben lieber gemütlich vom Sofa aus zu und planst schon, was man aus solchen handgesponnenen Schätzen alles stricken könnte?
Schreib es mir unbedingt in die Kommentare – ich freue mich riesig auf den Austausch mit dir!
Tritt fest, lass den Faden laufen und genieß den Sommer,
Deine Gabriele von Wolloholiker
