Na, wie sitzt ihr gerade da? Lasst mich raten: Der Rücken ist leicht rund, das Kinn schiebt sich Richtung Brustbein, die Schultern kriechen gaaaanz langsam Richtung Ohren (als wollten sie dort überwintern) und die Finger umklammern die Nadeln, als gäbe es kein Morgen mehr und keine Spur von Entspannungsübungen. Erwischt? Keine Sorge, ihr seid in bester Gesellschaft!
Willkommen in der wunderbaren, aber manchmal auch schmerzhaften Welt der „Wolloholiker-Leiden“. Wir reden heute mal ganz offen über das, was passiert, wenn die Leidenschaft für Maschen auf die menschliche Anatomie trifft. Denn Hand aufs Herz: Stricken ist zwar Balsam für die Seele, aber für unseren Körper manchmal ein ziemlicher Leistungssport – nur eben im Sitzen.
Die Diagnose: Wenn die Wolllust zur Last wird und die Entspannungsübungen fehlen
Wir alle kennen das Phänomen. Da liegt dieses wunderschöne Projekt, die Wolle ist weich wie eine Wolke, das Muster macht süchtig und der Satz „Nur noch eine Reihe!“ ist die größte Lüge, die wir uns selbst täglich erzählen. Doch während unser Gehirn vor Dopamin Purzelbäume schlägt, sendet der Körper leise (oder laute) Warnsignale.
Es gibt sie wirklich, die typischen „Stricker-Krankheiten“. Und nein, ich meine nicht den chronischen Platzmangel im Wollschrank oder die unerklärliche Vermehrung von Nadelspielen. Ich rede von den echten, körperlichen Wehwehchen.
Der „Geier-Nacken“ und die Stein-Schultern
Das ist wohl der Klassiker unter uns Handarbeiterinnen. Wir starren so konzentriert auf das Zopfmuster oder die komplizierte Ferse, dass wir völlig vergessen, dass unser Kopf etwa fünf Kilogramm wiegt. Wenn wir diesen „Klops“ stundenlang nach vorne gebeugt halten, leisten unsere Nackenmuskeln Schwerstarbeit.
Das Ergebnis? Die Muskulatur macht dicht. Es fühlt sich an, als hätte man sich zwei Backsteine in die Schultern implantiert. Oft folgen darauf Kopfschmerzen oder ein Ziehen, das bis in die Fingerspitzen geht.
Die gefürchtete Sehnenscheidenentzündung – höchste Zeit für Entspannungsübungen
Der Endgegner jeder Strickerin! Meistens schleicht sie sich an, wenn wir ein Projekt unbedingt bis morgen fertigbekommen müssen (ihr wisst schon: Geburtstage, Weihnachten oder die plötzliche Erkenntnis, dass es draußen kalt wird). Die monotone Bewegung der Handgelenke und die ständige Spannung in den Fingern reizen die Sehnen. Wenn es anfängt zu ziehen oder – Gott bewahre – im Gelenk knirscht wie Schnee, dann ist Alarmstufe Rot.
Der „Stricker-Daumen“ und taube Finger
Manchmal verkrampfen wir so sehr, dass der Daumen einfach „feststeckt“ oder die Fingerspitzen anfangen zu kribbeln. Das liegt oft daran, dass wir die Nadeln viel zu fest halten. Wir haben Angst, dass uns eine Masche abhaut, und halten das Nadelspiel so fest wie einen Rettungsring im stürmischen Meer. Spoiler: Die Maschen bleiben auch bei lockerem Griff auf der Nadel!
Humor ist die beste Medizin (aber Pausen sind besser!)
Bevor wir zu den Übungen kommen, ein kleiner Schwank aus meinem Leben als Wolloholikerin: Ich habe mal so verbissen an einem Lace-Schal gestrickt, dass ich am nächsten Morgen meinen Kaffeelöffel nicht mehr halten konnte. Mein Mann fragte nur trocken: „Hat der Schal gewonnen?“ Ja, er hatte gewonnen – durch K.O. in der zwölften Reihe.
Was lernen wir daraus? Unser Körper ist das wichtigste Werkzeug, das wir haben. Ohne fitte Hände und einen entspannten Nacken gibt es keine neuen Socken. Punkt.
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Das „Wolloholiker-Workout“: Kleine Entspannungsübungen mit großer Wirkung
Damit ihr nicht beim Orthopäden landet, habe ich euch ein paar einfache Entspannungsübungen zusammengestellt. Das Beste daran: Ihr müsst dafür nicht ins Fitnessstudio. Ihr könnt sie direkt im Sessel machen (vielleicht stellt ihr das Strickzeug kurz auf den Tisch, nur für zwei Minuten!).
Übung 1: Die „Schulter-Achterbahn“
Zieht eure Schultern ganz weit hoch zu den Ohren. Haltet die Spannung für drei Sekunden (atmen nicht vergessen!) und lasst sie dann mit einem lauten Seufzer fallen. Wiederholt das fünfmal. Danach kreist ihr die Schultern gaaaanz genüsslich nach hinten. Stellt euch vor, ihr wollt mit den Schulterblättern eine Nuss knacken.
Übung 2: Das „Vogel-V“ (Gegen den Geier-Nacken)
Verschränkt die Hände hinter dem Hinterkopf. Drückt den Kopf sanft gegen die Hände und die Hände gegen den Kopf. Haltet das kurz. Dann öffnet ihr die Arme weit nach außen, die Handflächen zeigen nach vorne, und zieht die Arme leicht nach hinten, bis ihr eine Dehnung in der Brustmuskulatur spürt. Wir Strickerinnen „rollen“ uns nämlich oft nach vorne ein – wir müssen uns wieder öffnen!
Übung 3: Klavierspielen in der Luft
Streckt die Arme nach vorne aus. Spreizt alle Finger so weit wie möglich (wie ein Seestern) und macht dann eine feste Faust. Wiederholt das zehnmal schnell hintereinander. Danach schüttelt ihr die Hände locker aus, als wolltet ihr Wassertropfen von den Fingern schleudern. Das lockert die Sehnen und fördert die Durchblutung.
Übung 4: Der „Dankbare Daumen“
Massiert mit der einen Hand den Ballen des anderen Daumens. Dort sitzt oft die meiste Spannung. Drückt sanft in das weiche Gewebe und macht kleine kreisende Bewegungen. Ihr werdet merken, wie gut das tut!
Goldene Regeln für schmerzfreies Stricken
Neben den Entspannungsübungen gibt es ein paar „Life-Hacks“, die eure Strick-Gesundheit massiv verbessern:
- Der 20-Minuten-Wecker: Stellt euch einen Timer. Alle 20 Minuten wird kurz aufgestanden, ausgeschüttelt und ein Schluck Wasser getrunken.
- Licht an! Wer im Dunkeln strickt, beugt sich automatisch näher ans Werkstück. Gutes Licht spart Nackenschmerzen.
- Die Nadel-Wahl: Probiert mal verschiedene Materialien aus. Manche schwören auf glattes Metall, andere brauchen das warme Holz oder Bambus, um weniger zu verkrampfen. Auch ergonomische Nadeln (die eckigen „Cubics“) können bei Handproblemen Wunder wirken.
- Kissen-Schlacht: Nutzt Stillkissen oder spezielle Strickkissen, um eure Unterarme abzustützen. Je weniger die Arme das Gewicht des (vielleicht schweren) Strickstücks halten müssen, desto entspannter bleiben die Schultern.
Ein Schlusswort an meine lieben Strickfreunde
Meine Lieben, wir wollen dieses wunderbare Hobby doch noch bis ins hohe Alter ausüben, oder? Ein handgestricktes Leben ist ein schöneres Leben, aber nur, wenn wir dabei nicht vor Schmerz die Zähne zusammenbeißen.
Seid gut zu euch selbst. Wenn es zieht oder zwackt: Legt die Nadeln weg. Die Wolle läuft nicht weg (schön wär’s, dann müsste man sie nicht selbst aufräumen). Hört auf euren Körper, macht eure Übungen und bleibt locker – in den Schultern und in den Maschen.
In diesem Sinne: Einmal tief durchatmen, Schultern runter, und jetzt… darf wieder gestrickt werden!
Alles Liebe,
Eure Gabriele von Wolloholiker
